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Kunden gewinnen in der Schweiz: Akquise, Netzwerk und erste Aufträge 2026

10. Mai 20266 min read

Das Wichtigste in Kürze

  • Die ersten Kunden kommen fast immer aus dem persönlichen Umfeld: ehemalige Kolleginnen, frühere Arbeitgeber, Bekannte, Alumni-Netzwerke. Wer dieses Potenzial nicht systematisch aktiviert, lässt den günstigsten Akquisekanal brachliegen.
  • Im Schweizer B2B-Markt dauern Entscheidungsprozesse länger als in anderen Märkten. Geduld und kontinuierliches Präsentsein sind wichtiger als kurzfristiger Abschlussdruck.
  • Kaltakquise per Telefon ist in der Schweiz kulturell akzeptiert, aber weniger verbreitet als in Deutschland. Sie funktioniert besser, wenn sie sehr gezielt, gut recherchiert und persönlich formuliert ist.
  • Bestehende Kunden sind günstiger zu behalten als neue zu gewinnen. Systematische Kundenpflege, Nachfassaktionen und Empfehlungsprogramme verdreifachen den Kundenwert ohne Mehrkosten.
  • Online-Sichtbarkeit (Google Business Profile, LinkedIn, Website) ist keine Akquisitionsstrategie allein, aber ein notwendiger Multiplikator aller anderen Kanäle.

Neue Kunden zu gewinnen ist für die meisten KMU die grösste tägliche Herausforderung. Es gibt keinen magischen Kanal, der zuverlässig Leads liefert, aber es gibt eine Reihe von Ansätzen, die im Schweizer Markt funktionieren, und andere, die überschätzt werden.

Diese Anleitung erklärt, wie Sie systematisch Neugeschäft aufbauen: von den ersten Kunden bis zum stabilen Akquisitionsprozess.

Die erste Phase: 0 zu 1

Ohne Referenzen, ohne Sichtbarkeit, ohne Kundenstamm. Hier sind die einzigen Kanäle, die kurzfristig funktionieren:

Das persönliche Netzwerk aktivieren

Die ersten Aufträge kommen in über 80 % der Fälle aus dem persönlichen Umfeld. Die Frage ist, ob Sie es systematisch aktivieren oder auf Zufall hoffen.

Gehen Sie Ihre Kontaktliste durch, LinkedIn, Telefon, E-Mail, ehemalige Arbeitgeber, Studienfreunde, Nachbarn, Vereinsmitglieder, und machen Sie Ihr Angebot bekannt. Nicht als Bittschreiben, sondern als sachliche Information:

"Ich habe mich per [Datum] selbständig gemacht und biete [Leistung] an. Falls Sie selbst Bedarf haben oder jemanden kennen, der mir helfen könnte, Erstkontakte zu knüpfen, würde ich mich über eine Nachricht freuen."

Ziel ist nicht, sofort einen Auftrag zu generieren, sondern in den Köpfen derer zu sein, die bei nächster Gelegenheit an Sie denken.

Ehemalige Arbeitgeber und Kolleginnen

Der direkteste Weg zu ersten Aufträgen in der Beratung ist oft der ehemalige Arbeitgeber. Wenn Sie ein Unternehmen verlassen, um sich selbständig zu machen, ist es in vielen Fällen möglich, als externer Dienstleister für dieselbe Organisation tätig zu sein.

Das setzt voraus, dass:

  • Ihr Arbeitsvertrag keine Konkurrenzklausel enthält, die das verbietet
  • Das Unternehmen tatsächlich Bedarf an Ihrer Expertise hat
  • Ihre Trennung einvernehmlich war

Angebote in Fachgruppen und Verbänden

Branchenverbände, LinkedIn-Gruppen, XING-Gruppen, lokale Gewerbevereine, viele haben Foren, Newsletter oder Mitgliederverzeichnisse, in denen Dienstleistungsangebote platziert werden können. Das ist kein Massenkanal, aber gezielt eingesetzt generiert er qualifizierte Erstkontakte.

Die Hauptphase: Systematische Kundengewinnung

Sobald erste Referenzen vorhanden sind, können Sie professionellere Akquisitionskanäle aufbauen.

Referenzen und Empfehlungen

Empfehlungen sind im Schweizer Markt der wirksamste und günstigste Akquisitionskanal. Die Herausforderung: Sie entstehen nicht von selbst, auch wenn Sie gute Arbeit leisten.

Systematische Empfehlungspflege bedeutet:

  1. Aktiv nach Empfehlungen fragen: Nach jedem abgeschlossenen Auftrag und positiven Feedback den Kunden direkt fragen: "Kennen Sie jemanden, dem eine ähnliche Leistung nützen würde?" Drei von vier Kunden, die nicht gefragt werden, empfehlen Sie nie, obwohl sie es täten.

  2. Empfehlungen sichtbar honorieren: Ob mit einem Dankschreiben, einem kleinen Geschenk oder einem Rabatt auf den nächsten Auftrag, Empfehlungsgeber sollen wissen, dass ihre Weitergabe wahrgenommen und geschätzt wird.

  3. Fallbeispiele und Referenzschreiben: Bitten Sie zufriedene Kunden um ein schriftliches Testimonial oder ein Referenzschreiben. Im B2B-Bereich ist ein Referenzschreiben von einem namenbekannten Unternehmen wertvoller als jede Werbeanzeige.

LinkedIn: Sichtbarkeit aufbauen

LinkedIn ist für Schweizer B2B-Dienstleister heute fast unverzichtbar. Nicht als Werbekanal, sondern als Sichtbarkeitskanal:

Was funktioniert:

  • Regelmässige Beiträge zu Fachthemen (mindestens 2 pro Monat)
  • Engagement in Kommentaren, eigene Meinung vertreten, nicht nur kommentieren
  • Direktnachrichten an potenzielle Kunden mit persönlicher, recherchierter Ansprache
  • Referenzprojekte und Kundenerfolge teilen (mit Einverständnis des Kunden)

Was nicht funktioniert:

  • Automatisierte Vernetzungsanfragen ohne Kontext
  • Täglich Werbebotschaften posten
  • Profile, die seit Jahren nicht aktualisiert wurden

Kaltakquise im Schweizer Kontext

Kaltakquise ist in der Schweiz kulturell akzeptiert, aber zurückhaltend dosiert. Der Unterschied zwischen akzeptierter und störender Kaltakquise:

AkzeptiertStörend
Gezielter Anruf bei einem recherchierten EntscheidungsträgerMassenanrufe aus einer gekauften Liste
Persönlich formulierte E-Mail mit konkretem BezugGenerisches Copy-Paste-Anschreiben
Kurz, präzise, auf den PunktLanges Einführungsschreiben ohne klaren Mehrwert
Nachfassen nach 2–3 Wochen, einmalWöchentliches Nachfassen über Monate

Ein gutes Kaltakquise-Script für die Schweiz:

"Guten Tag, mein Name ist [Name]. Ich habe gesehen, dass Ihr Unternehmen [spezifische Beobachtung: z.B. expandiert / eine neue Stelle ausgeschrieben hat / in der Presse war]. Ich bin Spezialistin für [Leistung] und helfe Unternehmen wie Ihrem dabei, [konkreter Nutzen]. Hätten Sie Zeit für ein 15-minütiges Gespräch in den nächsten zwei Wochen?"

Kurz, konkret, auf den Nutzen fokussiert.

Content Marketing als langfristiger Kanal

Content Marketing, nützliche Inhalte publizieren, die potenzielle Kunden bei Google finden, ist ein Langzeitkanal: erste Ergebnisse nach 6–12 Monaten, starke Wirkung ab Jahr 2–3.

Für Schweizer KMU lohnt es sich besonders, wenn:

  • Ihre Zielkunden aktiv nach Informationen suchen (B2B, beratungsnahe Leistungen)
  • Sie Expertise haben, die sich in Artikeln, Guides oder Checklisten darstellen lässt
  • Sie bereit sind, regelmässig zu schreiben (oder schreiben zu lassen)

Ein Firmenblog mit 20–30 gut recherchierten Artikeln zu Ihrer Fachdomäne kann langfristig mehr qualifizierte Leads generieren als bezahlte Werbung.

Messen und Branchenanlässe

In der Schweiz gibt es eine dichte Messenlandschaft, von nationalen Fachmessen in Basel und Zürich bis zu kantonalen Gewerbeausstellungen. Messen sind kein günstiger Kanal, aber sie bringen qualifizierte Kontakte, die aktiv nach Lösungen suchen.

Für kleine Unternehmen lohnt sich die Messeteilnahme vor allem, wenn:

  • Ihre Zielgruppe dort konzentriert auftritt
  • Sie Produkte oder Dienstleistungen haben, die eine direkte Demonstration erlauben
  • Sie die Kontakte systematisch nachverfolgen (CRM, Follow-up-E-Mails innerhalb von 48 Stunden nach der Messe)

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Bestandskunden: Günstiger als Neukunden

Ein unterschätzter Akquisitionskanal sind die eigenen Bestandskunden. Es kostet 5–7 Mal mehr, einen neuen Kunden zu gewinnen, als einen bestehenden zu halten und auszubauen.

Up-selling: Der bestehende Kunde kauft eine erweiterte oder höherwertige Leistung.

Cross-selling: Der bestehende Kunde kauft eine ergänzende Leistung, die er bisher woanders bezogen hat.

Reaktivierung: Kunden, die seit 12+ Monaten nichts bestellt haben, gezielt ansprechen, oft reicht eine sachliche E-Mail oder ein Anruf, um den Kontakt wieder zu aktivieren.

Periodische Bestandskundenpflege: Ein halbjährliches Check-in-Gespräch ohne Verkaufsabsicht ("Wie läuft es? Was hat sich bei Ihnen verändert?") stärkt die Beziehung und eröffnet oft neue Bedarfe.

CRM: Wann braucht man ein System?

Solange Sie weniger als 20 aktive Kontakte haben, reicht eine strukturierte Tabelle. Ab 50 aktiven Kontakten mit unterschiedlichen Phasen (Interessent, Angebot verschickt, in Verhandlung, Kunde, inaktiv) wird ein einfaches CRM nützlich.

HubSpot hat eine kostenlose Version, die für Einzelunternehmen und kleine KMU ausreicht. Sie erlaubt Kontaktverwaltung, Deal-Tracking und automatische Follow-up-Erinnerungen, ohne monatliche Kosten.

Der Hauptnutzen eines CRM ist nicht die Software, sondern die Disziplin, die sie erzwingt: jeder Kontakt dokumentiert, jede Interaktion festgehalten, kein Lead vergessen.

Die Akquisitionspipeline visualisieren

Eine einfache Pipeline hilft, den Überblick über den Akquisitionsprozess zu behalten:

PhaseBedeutungTypische Verweildauer
IdentifiziertPotenzieller Kontakt bekannt, noch kein Erstkontakt,
KontaktiertErstkontakt gemacht, Gespräch angebahnt1–2 Wochen
QualifiziertBedarf bestätigt, Angebot sinnvoll2–4 Wochen
Angebot eingereichtOfferte verschickt1–3 Wochen
VerhandlungAngebot besprochen, Konditionen klären1–2 Wochen
Gewonnen / VerlorenEntscheidung gefallen,

Wenn Ihre Pipeline regelmässig an derselben Phase stagniert (z.B. nach "Angebot eingereicht" keine Reaktion), liegt dort das Problem, und dort sollte die Lösung ansetzen.

Kundengewinnung ist ein Prozess, kein Ereignis. Wer ihn strukturiert betreibt, baut ein stabiles Neugeschäft auf, das unabhängig von einzelnen Grosskunden oder günstigen Zufällen funktioniert.

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Haeufige Fragen

Wie gewinne ich meine allerersten Kunden ohne Referenzen?
Starten Sie im persönlichen Umfeld: Informieren Sie ehemalige Kollegen, Vorgesetzte, Studienfreunde und Bekannte über Ihr Angebot. Viele erste Aufträge entstehen, weil jemand im Netzwerk zufällig genau in dem Moment von Ihnen hört, wo er Bedarf hat. Bieten Sie für die allerersten Aufträge einen nachvollziehbaren Einstieg an, kein Dumping, aber vielleicht einen Pilotauftrag mit klar definierten Bedingungen.
Wie gehe ich mit Interessenten um, die sich lange nicht melden?
Nachfassen nach 2 Wochen, dann nach 4 Wochen, dann nochmals nach 2 Monaten, per E-Mail oder Telefon. Kein aggressiver Ton, sondern eine sachliche Rückfrage: 'Haben Sie noch Bedarf, oder hat sich die Ausgangslage geändert?' Ein Nein ist besser als monatelanges Warten auf ein vielleicht.
Lohnt sich Kaltakquise für Schweizer KMU?
Ja, wenn sie zielgerichtet ist. Massenkaltakquise ('100 Anrufe pro Tag') funktioniert im Schweizer Markt schlecht und schadet dem Ruf. Gezielte Kaltakquise, 5 sorgfältig ausgewählte Kontakte mit individuell recherchierter Ansprache, hat eine deutlich bessere Erfolgsquote.
Wie baue ich ein Empfehlungsnetzwerk auf?
Empfehlungen entstehen nicht zufällig, sondern durch systematische Pflege: Bestandskunden regelmässig nach ihrer Zufriedenheit fragen, aktiv nach Empfehlungen bitten (ohne Druck), Empfehlungsgeber für vermittelte Aufträge sichtbar danken. Wer seine Kunden begeistert, bekommt Empfehlungen ohne System, wer es systematisiert, bekommt mehr davon.
Julia Steiner

Julia Steiner

Redaktionsleitung

Julia Steiner verantwortet die redaktionelle Qualität und schreibt kantonsübergreifende Gründungsguides.