Finanzierung
Venture Capital in der Schweiz: Fonds, Prozesse und was Investoren erwarten
Das Wichtigste in Kürze
- Schweizer Startups haben 2023 rund CHF 3.57 Mrd. an Venture Capital eingesammelt (SECA-Jahresbericht 2023).
- Die aktivsten Sektoren waren Health/Biotech (35%), Software/SaaS (22%) und Cleantech (15%).
- Typische Verwässerung in einer Series-A-Runde: 20 bis 30% der Unternehmensanteile.
- Von Erstgespräch bis Closing dauert eine VC-Runde in der Schweiz typischerweise 3 bis 9 Monate.
- Swiss PE & Corporate Finance Association (SECA) veröffentlicht jährlich Daten zum Schweizer VC-Markt.
Der Schweizer Venture-Capital-Markt gehört europaweit zu den aktivsten pro Kopf der Bevölkerung. Laut SECA-Jahresbericht 2023 wurden CHF 3.57 Mrd. in Schweizer Startups investiert, verteilt auf über 280 Finanzierungsrunden. Der Schwerpunkt lag auf Health/Biotech (35% des Kapitals), Software/SaaS (22%) und Cleantech (15%).
Dieser Artikel beschreibt, welche VC-Fonds in der Schweiz aktiv sind, wie der Investitionsprozess funktioniert, woraus ein Term Sheet besteht und was Startups auf dem Weg zur Finanzierung falsch machen.
Rechtlicher Hinweis
Dieser Artikel informiert allgemein über Venture-Capital-Strukturen und -Prozesse. Er ersetzt keine Rechts- oder Anlageberatung. Term Sheets und Beteiligungsverträge sollten immer durch einen spezialisierten Schweizer Anwalt geprüft werden.
Welche VC-Fonds in der Schweiz aktiv sind
Der Schweizer Markt verfügt über eine überschaubare Anzahl institutioneller VC-Fonds, die durch eine breite Palette internationaler Co-Investoren ergänzt wird.
Schweizer VC-Fonds mit Lokalfokus
Redalpine (Zürich): Einer der grössten und aktivsten Schweizer VC-Fonds. Investiert von Seed bis Series B in Software, SaaS, Fintech und Deep Tech. Fondsgrösse der aktuellen Generation: ca. EUR 200 Mio. Bekannte Portfolio-Unternehmen: N26 (Co-Investor), Viu, SumUp.
Creathor Venture (Frankfurt/Zürich): Europäisch ausgerichteter Frühphasenfonds mit Büro in Zürich. Investiert in der Regel EUR 500'000 bis EUR 5 Mio. pro Runde. Schwerpunkte: Digital Health, Enterprise SaaS, Fintech.
VI Partners (Zürich): Auf Life Sciences, Medizintechnik und Deep Tech spezialisiert. Investiert in Technologietransfers aus ETH Zürich, EPFL und anderen Schweizer Hochschulen. Typische Investitionsgrösse: CHF 1 bis CHF 5 Mio.
HBM Healthcare Investments (Zug): Börsenkotierte Investmentgesellschaft mit Fokus auf Life Sciences. Investiert sowohl in private als auch in kotierte Biotech- und Pharma-Unternehmen weltweit.
Swisscom Ventures (Bern): Corporate VC des Swisscom-Konzerns. Investiert in technologiegetriebene Startups mit Relevanz für Telekommunikation, Digitale Infrastruktur und Cybersecurity.
BV4 (Zürich): Beratungsorientierter VC mit Fokus auf Unternehmensbewertung und Seed-Investitionen in Schweizer Startups.
Internationale Fonds mit Schweizer Präsenz
Lakestar (Zürich/Berlin): Europäischer Wachstumsfonds. Hat ein Büro in Zürich und ist in mehrere Schweizer Startups investiert.
Index Ventures (Genf/London): Einer der bekanntesten europäischen VC-Fonds. Von Genf aus wurden frühe Investitionen in unter anderem Dropbox, Skype und MySQL getätigt. Heute stärker auf internationale Wachstumsrunden ausgerichtet.
Inkef Capital (Amsterdam): Auf Europa fokussiert, aktiv im Schweizer Life-Sciences-Sektor.
Family Offices und Corporate VCs
Neben institutionellen Fonds investieren in der Schweiz mehrere grosse Family Offices in Startups. Sie sind oft weniger sichtbar, aber bei grösseren Seed- und Series-A-Runden relevant. Bekannte Schweizer Family-Office-Investoren: Bruellan (Genf), mehrere Zürcher Bankfamilien.
Corporate VCs (neben Swisscom Ventures): Swiss Re Next, Nestlé InnoVentures, Roche Venture Fund.
Der VC-Investitionsprozess Schritt für Schritt
Der Prozess von der ersten Kontaktaufnahme bis zum Abschluss einer VC-Runde umfasst typischerweise fünf Phasen.
Phase 1: Erstkontakt und Screening (2 bis 4 Wochen)
Die meisten VC-Fonds empfangen täglich viele Anfragen. Der effektivste Zugang ist eine Warm Introduction: ein gemeinsamer Kontakt, der den Gründer persönlich vorstellt. Kaltakquise per E-Mail führt seltener zu Erstgesprächen.
Was ein Erstgespräch ermöglicht:
- Ein überzeugendes Pitch Deck (10 bis 15 Folien, maximal 8 MB, gut lesbares PDF)
- Eine klare, messbare Traktion (Umsatz, Nutzer, Wachstumsrate)
- Eine glaubwürdige und komplementäre Gründer-Kombination
Das Erstgespräch dauert 30 bis 60 Minuten und dient primär dem gegenseitigen Kennenlernen. Kein Gründer sollte in diesem Gespräch bereits ein konkretes Term Sheet erwarten.
Phase 2: Internes Review (2 bis 4 Wochen)
Nach einem positiven Erstgespräch teilt der Partner das Unternehmen intern. Der Fonds prüft:
- Passt der Sektor zur Fondsstrategie?
- Gibt es Interessenkonflikte mit bestehenden Portfoliounternehmen?
- Ist die Marktgrösse attraktiv genug?
Rückmeldung typischerweise innerhalb von 2 bis 4 Wochen. Keine Reaktion nach 4 Wochen bedeutet meistens kein Interesse.
Phase 3: Due Diligence (4 bis 12 Wochen)
Wenn der Fonds weiter vorankommen will, beginnt die Due Diligence. Diese umfasst:
Technische Due Diligence: Bewertung des Produkts, der Technologie, der IP-Schutzlage und der technischen Roadmap durch einen Experten oder den internen Tech-Partner des Fonds.
Markt-Due-Diligence: Gespräche mit bestehenden Kunden, Branchenexperten und manchmal Wettbewerbern. Ziel: Einschätzung der Marktgrösse und Wettbewerbsposition.
Finanzielle Due Diligence: Prüfung der Buchhaltung, Finanzmodelle, bestehenden Verträge und Verbindlichkeiten.
Legal Due Diligence: Prüfung der Gesellschaftsstruktur, IP-Inhaberschaft, Arbeitsverträge, bestehender Investorenvereinbarungen und allfälliger Rechtsstreitigkeiten.
Wer einen vollständigen Data Room hat (strukturierte Ablage aller relevanten Dokumente), beschleunigt die Due Diligence erheblich und signalisiert Professionalität.
Data Room vor dem Erstgespräch vorbereiten
Ein Fonds, der nach dem Erstgespräch Due Diligence signalisiert, erwartet innerhalb weniger Tage Zugang zu einem Data Room. Wer dann erst beginnt, die Unterlagen zusammenzustellen, verliert Wochen und möglicherweise den Investor. Der Data Room sollte permanent aktuell gehalten werden.
Phase 4: Term Sheet (1 bis 2 Wochen nach Due Diligence)
Ist die Due Diligence positiv ausgefallen, unterbreitet der Fonds ein Term Sheet. Es ist in der Regel nicht bindend (ausser bestimmten Klauseln wie Vertraulichkeit und Exklusivität) und legt die Hauptkonditionen fest.
Kernelemente eines Term Sheets:
| Element | Beschreibung |
|---|---|
| Pre-Money-Bewertung | Unternehmenswert vor der Kapitalerhöhung |
| Investitionsbetrag | Kapital, das der Fonds einbringt |
| Anteilsart | Stammaktien oder Vorzugsaktien (preferred shares) |
| Liquidationspräferenz | Erstausschüttung bei Exit; z.B. 1x non-participating |
| Anti-Dilutions-Schutz | Schutz des Investors bei späteren Runden zu tieferer Bewertung |
| Board-Zusammensetzung | Sitzverteilung im Verwaltungsrat |
| Mitverkaufsrecht (Tag-along) | Recht des Investors, bei Anteilsverkauf mitzuverkaufen |
| Mitziehrecht (Drag-along) | Recht, alle Aktionäre bei einem Gesamtverkauf mitzuziehen |
| Vorkaufsrecht (ROFR) | Recht des Fonds, neue Anteile zuerst zu erwerben |
| Exklusivität | Zeitraum, in dem keine anderen Finanzierungsverhandlungen geführt werden dürfen |
Ein Anwalt mit Venture-Capital-Praxis sollte das Term Sheet prüfen, bevor es unterzeichnet wird. Die Verhandlung des Term Sheets ist der strategisch wichtigste Schritt der gesamten Runde.
Phase 5: Closing (3 bis 6 Wochen nach Term Sheet)
Nach der Einigung über das Term Sheet werden die rechtlichen Dokumente ausgearbeitet: Kapitalerhöhungsvertrag, Aktionärsbindungsvertrag (SHA), allfällige Vorungs- und Wandelvereinbarungen. Die Kapitaleinzahlung erfolgt nach Unterzeichnung durch alle Parteien.
Gesamtdauer einer Runde:
| Phase | Typische Dauer |
|---|---|
| Erstkontakt bis Erstgespräch | 1–3 Wochen |
| Erstgespräch bis Term Sheet | 6–14 Wochen |
| Term Sheet bis Closing | 3–6 Wochen |
| Total | 3–9 Monate |
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Bewertung: Wie VC-Investoren rechnen
Die Pre-Money-Bewertung ist der kritischste Verhandlungspunkt. Sie bestimmt, wie viel ein Investor für seinen Anteil zahlt.
Beispiel:
- Pre-Money-Bewertung: CHF 5 Mio.
- Investitionsbetrag: CHF 1 Mio.
- Post-Money-Bewertung: CHF 6 Mio.
- Anteil des Investors: 1/6 = 16.7%
VC-Fonds bewerten Frühphasen-Startups in der Schweiz anhand von:
- Marktgrösse (adressierbarer Markt, TAM)
- Wachstumsrate der letzten 6 bis 12 Monate
- Qualität des Teams
- Vergleichstransaktionen in ähnlichen Sektoren (Comparable Companies)
- Erwartete Finanzierungsdauer bis zum nächsten Milestone (Runway)
Bewertung nicht übertreiben
Eine zu hohe Erstbewertung erzwingt in der Folgerunde eine noch höhere Bewertung. Wenn die operative Entwicklung das nicht rechtfertigt, kommt es zu einer Down Round (Runde zu tieferer Bewertung), die Signalwirkung hat und bestehende Anti-Dilutions-Klauseln auslöst. Eine konservative, gut begründete Bewertung ist langfristig robuster.
Konvertible Instrumente: Wandeldarlehen und SAFE
In der Seed-Phase werden häufig konvertible Instrumente eingesetzt, um die Bewertungsfrage zu vertagen.
Wandeldarlehen (konvertibles Darlehen): Das Unternehmen nimmt ein Darlehen auf; bei einer definierten Triggerbedingung (z.B. Series A ab CHF 1 Mio.) wandelt es sich automatisch in Eigenkapital um. Typische Parameter: Zinssatz 2 bis 5%, Cap (maximale Bewertung, zu der das Darlehen konvertiert), Discount (Rabatt auf die Wandelbewertung, z.B. 15 bis 20%).
SAFE (Simple Agreement for Future Equity): US-amerikanisches Instrument ohne Zinspflicht. In der Schweiz weniger verbreitet als das Wandeldarlehen, aber zunehmend genutzt, besonders bei US-affineren Investoren.
Beide Instrumente verschieben die Bewertungsfrage, lösen sie aber nicht auf. Beim Wandeln entsteht Verwässerung; das muss im Cap Table eingeplant werden.
Was Schweizer VC-Investoren von Gründerteams erwarten
Unabhängig vom Sektor und der Phase gelten einige gemeinsame Erwartungen:
Technische Tiefe bei Deep-Tech-Startups: Investoren wollen verstehen, was die Technologie-Differenzierung ausmacht und warum das Unternehmen sie besitzt (IP, Wissensvorsprung, Netzwerkeffekte).
Nachgewiesene Kundennachfrage: Frühe Umsätze oder schriftliche Letters of Intent (LOI) von zahlungsbereiten Kunden sind überzeugender als Marktforschungspräsentationen.
Klarer Kapitalbedarf: Investoren erwarten eine Antwort auf "wofür brauchen Sie das Kapital und wie lange reicht es?" mit einer konkreten Planung auf 18 bis 24 Monate.
Skalierbarkeit des Modells: Die Einheit von Umsatz und Kosten muss zeigen, dass mehr Kapital auch mehr Wachstum ermöglicht und nicht nur die laufenden Kosten finanziert.
Exitstrategie: Kein VC-Fonds erwartet, dass Gründer schon beim Erstgespräch den Exit planen. Aber eine plausible Antwort auf die Frage "wer könnte das Unternehmen in 7 bis 10 Jahren kaufen oder kotieren?" ist wichtig.
Häufige Fehler bei der VC-Suche
Falsche Fonds angesprochen: Wer sich bei einem Biotech-Fonds für eine SaaS-Lösung bewirbt, verschwendet Zeit. Die Mandatsstrategie des Fonds muss vorab geprüft werden.
Zu lange gewartet: Manche Gründer warten mit der VC-Suche, bis das Kapital fast aufgebraucht ist. VC-Gespräche sollten bei 6 bis 9 Monaten verbleibendem Runway beginnen, nicht bei 2 bis 3 Monaten.
Keine Warm Introduction: Kaltakquise über das Website-Kontaktformular führt selten zu Erstgesprächen. Investoren erhalten täglich Hunderte von Anfragen; der Zugang über einen gemeinsamen Kontakt ist wirkungsvoller.
Cap Table nicht aufgeräumt: Unnötig komplexe Anteilsstrukturen (zu viele frühe Investoren, unübersichtliche Wandeldarlehen, ungeklärte Gründeranteile) schrecken ab. Der Cap Table sollte vor der VC-Runde bereinigt werden.
FOMO-Druck aufbauen: Manche Gründer behaupten künstlich, andere Investoren seien bereits im Term-Sheet-Stadium. Schweizer Investoren sind ein überschaubares Netzwerk; falsche Aussagen werden schnell sichtbar und schaden dem Ruf dauerhaft.
Ressourcen für Schweizer Startups auf VC-Suche
- SECA (Swiss PE & Corporate Finance Association): Jährlicher VC-Marktbericht, Mitgliederverzeichnis aktiver Investoren; seca.ch
- Swiss Startup Association: Netzwerk, Pitch-Events, Investor-Matching; swissstartups.ch
- Startup.ch: Verzeichnis Schweizer Startups und Investoren
- F10 (Zürich, Singapur): Fintech-Accelerator mit Investorenzugang
- Venturelab: Coaching und Investor-Netzwerke für Gründer aus Schweizer Hochschulen
Swiss Startup Association
Netzwerk und Interessenvertretung für Schweizer Startups
Mitgliedschaft ab CHF 200/Jahr
Redalpine
Schweizer Venture-Capital-Fonds für Software und Deep Tech
Series Seed bis Series B
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Haeufige Fragen
Ab welchem Umsatz ist ein Startup für Schweizer VC-Fonds interessant?
Was ist ein Term Sheet und was sollte ich darin besonders genau prüfen?
Was ist eine Liquidationspräferenz und wie wirkt sie sich bei einem Exit aus?
Wie hoch ist die übliche Verwässerung in einer Series-A-Runde in der Schweiz?
Können Startups mit ausländischem Hauptsitz Schweizer VC-Finanzierung erhalten?
Was ist ein SAFE und wird es in der Schweiz verwendet?
Sarah Brunner
Steuer- und Sozialversicherungsrecht
Sarah Brunner schreibt zu MWST, AHV und der direkten Bundessteuer. Sie hat einen Abschluss in Steuerrecht und mehrere Jahre Beratungspraxis.