Finanzierung

Wie viel Verwässerung darf ich akzeptieren? Founder-Equity-Rechnung über vier Schweizer Runden

14. Mai 20268 min read

Das Wichtigste in Kürze

  • Vier typische Schweizer Runden (Pre-Seed bis Series B) verwässern Gründer von 100 Prozent auf rund 40 bis 50 Prozent gemeinsamen Founder-Anteil.
  • ESOP-Pool wird traditionell vor der Runde aufgestockt, was 8 bis 15 Prozent zusätzliche Verwässerung pro Refresh kostet.
  • Wandeldarlehen in Pre-Seed verschieben Verwässerung in die Seed-Runde, mit Discount und Bewertungs-Cap als Hauptparametern.
  • Liquidation-Preference 1x non-participating ist der Schweizer Marktstandard und schützt Founder bei moderaten Exits stärker als 2x participating.
  • Drei Hebel zur Begrenzung der Verwässerung: höhere Pre-Money-Bewertung, kleinere Rundenvolumen über Förderung-Ergänzung, kleinerer ESOP-Pool vor Runde.
  • Schweizer Founder-Anteil nach Series A liegt 2026 typischerweise zwischen 45 und 65 Prozent, abhängig von Anzahl Mitgründern und Förderintensität.

Verwässerung ist die unsichtbare Steuer der Equity-Finanzierung. Schweizer Gründer geben über vier typische Runden 50 bis 60 Prozent ihrer ursprünglichen Anteile ab, ohne dass sich daran etwas Spektakuläres ändern müsste. Dieser Beitrag simuliert eine vollständige Cap-Table-Entwicklung von Pre-Seed bis Series B mit realen Schweizer Marktdaten 2026 und zeigt, welche Hebel zur Verwässerungsbegrenzung wirken.

Modellannahmen

Schweizer GmbH oder AG mit zwei Mitgründern (je 50 Prozent zu Beginn). Marktstandard-Konditionen 2026 für Software- oder Deep-Tech-Startup. Alle Bewertungen Pre-Money. ESOP-Pool wird traditionell aus der Pre-Money-Bewertung gebildet (also vor der Runde).

Ausgangslage: Tag 1

Zwei Mitgründer, gleiche Beteiligung. 100 Prozent Founder-Anteil. Stammkapital CHF 20'000 für die GmbH.

GesellschafterAnteil
Gründer 150%
Gründer 250%
Total100%

Runde 1: Pre-Seed über Wandeldarlehen (CHF 300'000)

Statt einer offenen Equity-Runde im Pre-Seed nutzt das Team ein Wandeldarlehen über CHF 300'000. Konditionen 2026 typisch:

  • Zinssatz: 6 Prozent p.a.
  • Discount auf die Seed-Bewertung: 20 Prozent
  • Bewertungs-Cap: CHF 10 Mio. Pre-Money für die Seed-Runde

Das Wandeldarlehen verändert die Cap-Table noch nicht direkt; es wandelt erst in der Seed-Runde. Vorteil: Pre-Money-Bewertung muss in Pre-Seed nicht verhandelt werden, was bei wenig Traction von Vorteil ist.

GesellschafterAnteil nach Pre-SeedBemerkung
Gründer 150%unverändert
Gründer 250%unverändert
Pre-Seed-Wandeldarlehen0% (latent)CHF 300'000 plus 6% p.a. plus 20% Discount
Total100%

Runde 2: Seed (CHF 2.5 Mio.)

Nach 18 Monaten ist Product-Market-Fit-Signal da, der MVP läuft mit ersten zahlenden Kunden. Seed-Runde:

  • Rundenvolumen: CHF 2.5 Mio.
  • Pre-Money-Bewertung: CHF 10 Mio.
  • Post-Money: CHF 12.5 Mio. (vor Wandeldarlehen-Konversion und ESOP-Refresh)
  • ESOP-Pool: aufgesetzt auf 10 Prozent post-money

Wandeldarlehen-Konversion:

  • CHF 300'000 plus 6 Prozent Zins über 18 Monate = CHF 327'000
  • Konversion bei CHF 10 Mio. Pre-Money minus 20 Prozent Discount = CHF 8 Mio. Konversionsbasis
  • Wandeldarlehen erhält CHF 327'000 / CHF 8 Mio. = 4.1 Prozent post-money

ESOP-Refresh:

  • 10 Prozent Pool wird VOR der Runde gebildet
  • Das bedeutet: Founder-Anteil verwässert um diesen ESOP-Anteil zusätzlich

Resultierende Cap-Table nach Seed:

GesellschafterAnteil nach Seed
Gründer 136.0%
Gründer 236.0%
Pre-Seed-Wandeldarlehen-Investoren4.1%
Seed-Lead-Investor und Syndikat13.9%
ESOP-Pool10.0%
Total100%

Gemeinsamer Founder-Anteil nach Seed: 72 Prozent. Die zwei Mitgründer halten zusammen 72 Prozent, also 28 Prozent Verwässerung in einer Runde.

Runde 3: Series A (CHF 12 Mio.)

24 Monate nach Seed-Runde. Annualisierter wiederkehrender Umsatz (ARR) liegt bei CHF 2 Mio., Bruttomarge 60 Prozent, Net Revenue Retention über 110 Prozent.

  • Rundenvolumen: CHF 12 Mio.
  • Pre-Money-Bewertung: CHF 48 Mio.
  • Post-Money: CHF 60 Mio.
  • ESOP-Refresh: Pool auf 12 Prozent post-money (Refresh aus Pre-Money)

Resultierende Cap-Table nach Series A:

GesellschafterAnteil nach Series A
Gründer 127.0%
Gründer 227.0%
Pre-Seed-Wandeldarlehen-Investoren3.1%
Seed-Lead-Investor und Syndikat10.4%
Series-A-Lead-Investor und Co-Investoren20.5%
ESOP-Pool12.0%
Total100%

Gemeinsamer Founder-Anteil nach Series A: 54 Prozent. Gründer-Anteil pro Person bei 27 Prozent. Die beiden ältesten Investorenkategorien (Wandeldarlehen plus Seed) zusammen bei 13.5 Prozent, also moderater Verlust pro Folge-Runde.

Runde 4: Series B (CHF 35 Mio.)

24 bis 30 Monate nach Series A. ARR bei CHF 8 Mio., dreistellige Wachstumsraten gehalten.

  • Rundenvolumen: CHF 35 Mio.
  • Pre-Money-Bewertung: CHF 150 Mio.
  • Post-Money: CHF 185 Mio.
  • ESOP-Refresh: auf 14 Prozent post-money

Resultierende Cap-Table nach Series B:

GesellschafterAnteil nach Series B
Gründer 122.5%
Gründer 222.5%
Pre-Seed-Wandeldarlehen-Investoren2.6%
Seed-Lead-Investor und Syndikat8.6%
Series-A-Lead und Co-Investoren16.9%
Series-B-Lead und Co-Investoren13.5%
ESOP-Pool13.4%
Total100%

Gemeinsamer Founder-Anteil nach Series B: 45 Prozent. Pro Gründer rund 22.5 Prozent. Verwässerung von 100 auf 45 Prozent über vier Runden.

Verwässerungs-Übersicht: die Vier-Runden-Reise

RundeFounder-Anteil gemeinsamVerwässerung pro Runde
Tag 1100%
Pre-Seed (Wandeldarlehen)100%0% (latent)
Seed72%28% (inkl. Wandeldarlehen-Konversion und ESOP)
Series A54%18%
Series B45%9%

Die kumulative Verwässerung von 100 auf 45 Prozent entspricht 55 Prozent Anteilsverlust über vier Runden. Pro Runde nimmt die prozentuale Verwässerung ab, weil Pre-Money-Bewertungen schneller steigen als Rundenvolumen.

Hebel zur Begrenzung der Verwässerung

Hebel 1: Förderung statt Equity in der Frühphase

Wer in der Pre-Seed-Phase Innosuisse-Förderung (Innovationsprojekt mit Hochschulpartner), Venture Kick (CHF 150'000 in 3 Stufen) und Stiftungs-Förderung (Gebert Rüf InnoBooster CHF 150'000) kombiniert, mobilisiert CHF 300'000 bis 500'000 ohne Verwässerung.

Im Modell oben würden CHF 150'000 Förderung das Wandeldarlehen-Volumen halbieren. Konversion in Seed dann nur 2 Prozent statt 4.1 Prozent. Founder-Anteil nach Series B würde auf 47 bis 48 Prozent steigen statt 45 Prozent.

Hebel 2: Höhere Pre-Money-Bewertung pro Runde

Bewertung ist verhandelbar, vor allem mit klarer Traction. Eine Seed-Runde bei CHF 12 Mio. Pre-Money statt CHF 10 Mio. reduziert die Seed-Verwässerung von 17 Prozent auf 14 Prozent. Über vier Runden kumuliert das sich auf 3 bis 5 Prozentpunkte mehr Founder-Anteil am Ende.

Wer höhere Bewertung will, muss Traction beweisen und konkurrierende Term Sheets in der Hand haben. Reine Wunschvorstellung führt eher zu längeren Runden ohne Closing.

Hebel 3: Post-Money-ESOP statt Pre-Money-ESOP

ESOP-Pools werden in der Schweiz und international traditionell aus der Pre-Money-Bewertung gebildet, also zu Lasten der Founder. Wer Post-Money-ESOP durchsetzt, lädt die Verwässerung auf alle Aktionäre, nicht nur auf die Founder.

Konkret: 10 Prozent Seed-ESOP-Pool bedeuten 10 Prozent direkter Founder-Verwässerung bei Pre-Money-ESOP, aber nur 7.2 Prozent bei Post-Money-ESOP. Über vier Runden mit ESOP-Refresh akkumuliert das sich auf 3 bis 5 Prozent mehr Founder-Anteil.

Investoren verhandeln hart gegen Post-Money-ESOP. Realistisch durchsetzbar nur bei sehr starker Verhandlungsposition (mehrere Termsheets in der Hand, etablierte Lead-Investoren).

Hebel 4: Secondary statt zusätzlicher Primärrunde

Bei Series B oder C bietet sich Secondary an: ein Teil der Investoren-Beteiligung kommt aus dem Verkauf bestehender Anteile durch frühe Investoren oder Gründer, nicht aus neuer Kapitalaufnahme. Founder erhalten Liquidität, ohne dass weiteres frisches Kapital ins Unternehmen fliesst und ohne dass die Cap-Table weiter verwässert wird.

Schweizer Series-B-Runden mit Secondary-Komponente werden seit 2024 häufiger; Tier-1-VCs sind offen für 10 bis 20 Prozent Secondary innerhalb einer Gesamt-Runde.

Hebel 5: Bridges und Wandeldarlehen zwischen Runden

Statt eine vollständige Folgerunde zu strukturieren, kann eine Brücken-Finanzierung mit Wandeldarlehen 6 bis 12 Monate gewinnen, in denen das Unternehmen Traction aufbaut. Höhere Pre-Money-Bewertung in der dann folgenden Equity-Runde reduziert die Verwässerung.

Wichtig: 10/20/100-Regel des Schweizer Steuerrechts. Wandeldarlehen von mehr als 10 Nicht-Banken-Investoren oder mit mehr als 20 Investoren insgesamt unterliegen 35 Prozent Verrechnungssteuer. Bei der Strukturierung von Wandeldarlehen ist diese Regel zwingend zu beachten.

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Liquidation-Preference: der zweite Verwässerungsfaktor

Die Cap-Table-Aufstellung sagt nicht alles. Bei einem Exit greift zusätzlich die Liquidation-Preference, die festlegt, wer zuerst aus dem Exit-Erlös bezahlt wird.

Schweizer Marktstandard 2026: 1x non-participating Liquidation-Preference. Investoren wählen pro Runde entweder das Eigenkapital zurück (1x) oder den pro-rata-Anteil am Exit.

Beispiel: Exit für CHF 100 Mio., Investoren haben insgesamt CHF 50 Mio. investiert mit 55 Prozent post-Series-B-Anteil.

  • Bei 1x non-participating: Investoren wählen entweder CHF 50 Mio. (1x) oder 55 Prozent von CHF 100 Mio. = CHF 55 Mio. Wahl ist CHF 55 Mio. Founder erhalten CHF 45 Mio., entsprechend 45 Prozent post-Series-B-Anteil.

  • Bei 1x participating (schlechter für Founder): Investoren erhalten zuerst CHF 50 Mio. (1x) UND danach noch 55 Prozent vom Rest, also CHF 27.5 Mio. Total CHF 77.5 Mio. für Investoren, CHF 22.5 Mio. für Founder.

  • Bei 2x participating (sehr schlecht): Investoren erhalten CHF 100 Mio. zuerst, danach pro rata. In diesem Beispiel CHF 100 Mio., Founder CHF 0.

Praktische Bedeutung: Bei kleinen bis mittleren Exits (Faktor 2x bis 4x) ist 1x non-participating für Founder massiv besser. Bei Mega-Exits (Faktor 10x+) konvergieren die Modelle. Schweizer Marktstandard 1x non-participating ist Verhandlungsergebnis vergangener Founder-Generationen und sollte nicht ohne sehr guten Grund aufgegeben werden.

Empfehlungen für Schweizer Founder

  1. Förderung priorisieren: Innosuisse, Venture Kick und Stiftungen liefern verwässerungsfreies Kapital. Pre-Seed-Equity-Runden möglichst vermeiden oder über Wandeldarlehen verschieben.
  2. Pre-Money-Bewertung verhandeln: Mehrere Term Sheets parallel führen ist der einzige verlässliche Bewertungshebel. Reine Wunschvorstellung verlängert Runden ohne Closing.
  3. ESOP-Pool klein halten: 8 bis 10 Prozent in Seed, 10 bis 12 Prozent vor Series A. Grössere Pools schwächen die Founder-Position stärker als notwendig.
  4. Liquidation-Preference auf 1x non-participating begrenzen: kompromisslos. 2x oder participating ist 2026 nicht mehr Schweizer Marktstandard und sollte nur in Krisensituationen akzeptiert werden.
  5. Verträge und Cap-Table früh sauber strukturieren: Schweizer SECA-Templates für Wandeldarlehen und Term Sheets als Ausgangsbasis nutzen. Anwaltliche Prüfung vor Term-Sheet-Unterschrift, nicht nach Closing.

Der grösste Hebel zur Verwässerungsbegrenzung ist keine clevere Klausel, sondern Verzicht auf zu frühe Equity-Runden. Schweizer Förderlandschaft ermöglicht 2026 verwässerungsfreies Kapital in einer Höhe, die in vielen anderen Ländern nicht verfügbar ist. Diese Stärke des Schweizer Standorts auszuschöpfen ist die wichtigste Founder-Equity-Strategie.

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Haeufige Fragen

Wie hoch ist der typische Schweizer Founder-Anteil nach Series A?
Gemeinsamer Founder-Anteil aller Gründer nach Series A liegt 2026 typisch zwischen 45 und 65 Prozent. Bei zwei Gründern entspricht das 22 bis 32 Prozent pro Person; bei drei Gründern 15 bis 22 Prozent. Wer mit Wandeldarlehen statt Equity-Pre-Seed startet und mit Förderung Equity-Bedarf reduziert, kann am oberen Ende dieser Bandbreite liegen.
Wann sollte der ESOP-Pool aufgesetzt werden?
Erste Aufsetzung typisch vor der Seed-Runde, mit 8 bis 12 Prozent Pool. Refresh vor jeder grösseren Runde (Series A, Series B) auf 10 bis 15 Prozent. Investoren verlangen häufig, dass der Refresh aus der Pre-Money-Bewertung kommt, also vom Founder-Anteil verwässert wird. Wer das verhandelt und stattdessen Post-Money-ESOP durchsetzt, spart 3 bis 5 Prozent Founder-Anteil.
Was bedeutet 1x non-participating Liquidation-Preference konkret?
Bei einem Exit erhalten Investoren zuerst ihr eingesetztes Kapital zurück (1x), bevor der Rest pro rata auf alle Aktionäre verteilt wird. Non-participating bedeutet: Investoren wählen pro Runde entweder die 1x-Preference ODER die pro-rata-Verteilung, nicht beides. Das schützt Founder bei moderaten Exits mit Faktor 2x bis 5x deutlich besser als 2x participating, bei dem Investoren zuerst 2x bekommen UND danach noch pro rata mitprofitieren.
Wie wirken Wandeldarlehen auf die Verwässerung?
Wandeldarlehen sind technisch Debt, aber sie wandeln sich in der nächsten Equity-Runde in Aktien. Sie haben drei Parameter: Zinssatz (typisch 6 bis 10 Prozent), Discount (typisch 15 bis 25 Prozent auf die Folge-Runden-Bewertung) und manchmal einen Bewertungs-Cap. Pre-Seed-Wandeldarlehen schieben Verwässerung in die Seed-Runde und reduzieren sie häufig leicht, weil die Bewertung in Seed höher ist als sie in Pre-Seed gewesen wäre.
Lohnt es sich, eine niedrigere Bewertung für Top-Investoren zu akzeptieren?
Oft ja. Eine Pre-Money-Bewertung 20 Prozent unter dem Markt mit Lead-Investor aus den Schweizer Top-Tier-VCs (Redalpine, Lakestar, Founderful) bringt Validierung, Folge-Runden-Zugang und Hiring-Hebel, die spätere Runden günstiger machen. Eine maximale Bewertung mit unbekanntem Investor kann in Folge-Runden zum Stigma werden, wenn Bewertungen zu hoch sind und Markups ausbleiben.
Sarah Brunner

Sarah Brunner

Steuer- und Sozialversicherungsrecht

Sarah Brunner schreibt zu MWST, AHV und der direkten Bundessteuer. Sie hat einen Abschluss in Steuerrecht und mehrere Jahre Beratungspraxis.